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10.12.2018 : 22:59 : +0100

Denkmalgeschützte und preisgekrönte Architektur der Schulgebäude

Zur denkmalgeschützten Architektur des Altbaus

Das Schulgebäude wurde ab 1912 nach Plänen von Gemeindebaurat J. Th. Hamacher errichtet und 1914 als Doppelschule eingeweiht. Im südlichen Teil waren 19 Klassen für Mädchen untergebracht, im nördlichen Teil 19 Klassen für Knaben. Eine Trennung der Schulen wurde durch nebeneinanderliegende Haupteingänge und durch Zwischentüren auf allen Etagen erreicht. 

Städtebaulich ist die Hauptfassade auf das ältere Schulgebäude an der Wattstraße ausgerichtet und sollte ursprünglich seitlich und rückwärtig in eine Mietshausbebauung einbezogen werden.

Das Gebäude ist eine symmetrische 4-geschossige Dreiflügelanlage, die in der Gestaltung mit ihrem Ehrenhof barocken Schlossanlagen folgt. Die architektonische Sprache weist jedoch in die moderne Klinkerarchitektur der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die sich vor allem an den durch halbrunde Giebel und geschossversetzte Treppenhausfenster zeigt.

Der Mittelrisalit zum Hof, in dem die Haupteingänge aufgenommen wurden, wird betont durch einen Portalvorbau mit Balkon, der durch eine Balustrade abgeschlossen wird, sowie durch einen auffälligen Segmentbogengiebel.

Die Fassade aus rotem Klinker wird durch hohe Wandpfeiler (Lisenen) vertikal straff gegliedert. An der Fassade zur Nalepastraße sind die Lisenen mit einfachen Vorlagen aus Kunststein bekrönt. Dort befinden sich auch nebeneinander zwei Treppenhausrisalite, die gleichfalls mit Segmentbogengiebeln betont werden. 

Die Partien zwischen den Treppenhausfenstern und im vierten Geschoss werden durch noppenartige Strukturen belebt. In den Brüstungen und Gesimsen finden sich Ziegelmuster.


Auch im Inneren zeigt sich nicht nur die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts. Gleichermaßen werden auch hier die Bezüge zum Barock hergestellt.

Die zwei seitlichen großzügig angelegten Treppenhäuser sind mit Skulpturen geschmückt. Die Putten sind Kopien von Originalen, die im Veitshöchheimer Hofgarten bei Würzburg stehen und die von Peter Alexander Wagner im 18. Jahrhundert gestaltet wurden.

Zur preisgekrönten Architektur des Neubaus

Auf der Grenze zwischen einem gründerzeitlichen Wohnviertel und einem von Großbauten beherrschten Industriegebiet stand der kraftvolle, mit orangeroten Ziegeln leuchtende Schulbau von 1914 als einzige Dominante in dem von Brachen und Restflächen aufgelassenen Gebiet. Inzwischen ein Baudenkmal ist der historische Schulbau restauriert und mit dem Erweiterungsbau zu einem Oberstufenzentrum ausgebaut.

Das städtebauliche Konzept für den Neubau zielte auf eine Konsolidierung des Stadtraumes durch eine Besetzung der Blockecke mit einem ebenso stattlichen Gebäude wie dem Bestandsgebäude, wodurch eine neue Balance zwischen Freiräumen und Bauvolumen an diesem Ort entstand. Der Neubau sucht in seiner Schwere und Solidität den Dialog mit dem Altbau. Sie stehen als gleichberechtigte Solitäre und kommunizieren: im Volumen und Freiraum, ortsbestimmend in der Stadt.

 

Der Dialog lebt aus der Kraft der Gegensätze und aus der Stärkung von Gemeinsamen: Die Ziegelsteine des Altbaus kontrastieren mit der orangerot melierten Lasur der Putzfassade des Neubaus. Die klassischen Fensterformate und Profile werden im Neubau zu einem abstrakten Spiel von Öffnung und Masse. Nur eine zarte, nahezu körperlose Glasbrücke verbindet beide Gebäude auf allen Ebenen. 

Eine einfachere als die konzipierte Quaderform kann ein Gebäude nicht annehmen. Umso wichtiger ist die Behandlung des Quaders im Äußeren und die räumliche Organisation im Inneren. Die klare äußere Gestalt umgibt ein komplexes Inneres aus ungleichen Raumvolumen, die sich in der Fassade ablesen lassen. In Ergänzung der Unterrichtsräume des Altbaus entstanden im Neubau vor allem Gemeinschafts- und Serviceräume, komponiert als eine fließende Raumlandschaft von der Eingangshalle zur Mensa und zur Bibliothek im Erdgeschoss. 

Eine Freitreppe führt von einer offenen Empore zur Verwaltung und zum Lehrerbereich. In den oberen Geschossen befinden sich die Fachräume und vor allem die Sporthalle über mehrere Ebenen, deren Größe maßgebend war für die Größe des gesamten Baukörpers.

Durch geschickte Mittelverteilung konnten in allen Räumen Parkettböden verlegt und die öffentlichen Bereiche mit schwarzen Asphaltböden besetzt werden. Zum Weiß und Sichtbeton der Wände stehen Farbakzente in Kontrast: die mit gelben Holzpaneelen strukturierte Sporthalle und die blauen, orangenen, senfgrünen Farbflächen der Cafeteria sowie die farbigen Kuben im Lehrerbereich.

Aus dem streng konstruktiven Wand-Loch-Prinzip entwickelte die Stuttgarter Künstlerin Ulrike Böhme ihre Kunstinstallation. Sie antwortete mit einem eigenen Loch-System: Es entstanden sechs unregelmäßig zulaufende Durchbrüche in Betonwänden und Geschossdecken, "Sehnsuchtsnischen", die dem Blick auf "Sehnsuchtsbilder" dienen. Diese Sehnsuchtsbilder artikulierten sich in Videos der Künstlerin, verbunden mit dem Angebot an die Schüler, in der gut ausgestatteten Film- und Fotowerkstatt der Schule eigene "Sehnsuchtsbilder" zu produzieren und einzuspielen. Mit polygonalen Stahlhauben verdeckt, brechen die Videomonitore als fremdartige Körper in die benachbarten Räume ein.

Das Eindringen des eigenwilligen Anderen ist nicht nur integraler Bestandteil der Arbeit Böhmes, sondern steht gleichzeitig für das Konzept der Architekten. Sie geben den jungen Nutzern Raum, Architektur für sich zu erobern. Für unvorhersehbare Aneignungen und Umgangsweisen wird die klar organisierte räumliche Struktur als bergende Hülle zum Möglichkeitsraum.